Wie kann ich gesunde Grenzen setzen ohne zu diskutieren?

Text von Jana Breitmar

Ich habe lange gedacht, Grenzen müssen laut und hart sein, damit die andere Person sie endlich versteht und akzeptiert. Aber das ist gar nicht nötig. Es reicht, wenn eine Grenze "klug" durchdacht wurde, damit sie halten kann.

Meine Erkenntnisse:

1. Du kannst eine schützende Grenze nur um dich herum ziehen, wenn du bei dir selbst bist. Wenn du viel darüber nachdenkst, wie die andere Person auf deine Grenze reagieren wird, bist du mit deiner Wahrnehmung bei der anderen Person statt bei dir selbst. Von dort aus lässt sich schwer ausmachen, was deine Bedürfnisse sind, denn deine Wahrnehmung wird von der anderen Person beeinflusst. Deswegen ist es wichtig, für den Prozess, wo du herausfinden möchtest, wohin du deine Grenzen setzen möchtest, dass du nur auf dich schaust. Versuche die andere Person für diesen Schritt komplett auszublenden. Angenommen, die Person wäre mit allem einverstanden, würde dich gerne in deinem Prozess unterstützen und freut sich über deine Grenze, wo würdest du sie dann wirklich setzen wollen, wenn du ganz ehrlich zu dir bist?

2. Eine Grenze ist nur wirklich eine Grenze, wenn sie nicht überwindbar ist. Jetzt weißt du, wohin du deine Grenze setzen möchtest. Nun musst du dafür sorgen, dass sie auch eingehalten wird. Dafür ist der wichtigste Punkt: Es ist DEINE Grenze, d.h. du setzt sie unabhängig von der anderen Person. Die andere Person ist nicht für die Einhaltung zuständig. Du musst die andere Person nicht um die Einhaltung bitten. Sondern DU musst dir eine Grenze ausdenken, die die andere Person nicht überwinden KANN. Die Grenze ist ja genau dafür da, dich vor dem Eindringen der anderen Person zu schützen.

Beispiel:
KEINE GRENZE: "Ich will eigentlich keinen Sex während unserer ersten Dates haben, kannst du das biiiitte akzeptieren? Oh du tust mir so leid, wenn du so bettelst. Na gut, dann will ich dir das nicht antun."
ECHTE GRENZE: "Ich will keinen Sex während unserer ersten Dates haben. Ich möchte dich lieber langsam kennenlernen und mich wirklich sicher und bereit fühlen. Ich weiß, dass ich mich oft schuldig fühle und dann doch in dieser Situation lande, deswegen möchte ich Vorkehrungen treffen. Lass uns die ersten Male nur für eine kurze Zeitspanne von 2-3 Stunden in einem Café treffen und dahinter lege ich mir noch andere Termine in den Kalender. So können wir gar nicht erst in eine unangenehme Situation kommen."

Das Beispiel ist jetzt vielleicht etwas überspitzt dargestellt, aber vielleicht verstehst du, was ich meine. Es geht darum, echte Grenzen zu setzen, die das Überschreiten der anderen Person unmöglich machen. Es geht nicht darum, die andere Person dazu zu bringen, ihre Meinung oder ihr Verhalten zu ändern, sondern es geht darum gerade wegen des Wissens um deren Meinung eine Umgebung für dich zu bauen, in der du geschützt bist.

Wenn die Person das nicht verstehen kann, dann am besten gar nicht mehr zum Treffen kommen! Aber selbst wenn du hingehst, hast du dein Bedürfnis jetzt in eine sichere Grenze gepackt.

3. Über dein Empfinden musst du nicht diskutieren: Wir können das jetzt immer weiter durchspielen. Wenn die Person diskutieren will, weil sie die Grenze bescheuert findet, brauchst du eine Grenze, um dich nicht auf Diskussionen einzulassen.

Generell gilt, je mehr du dich erklärst und Gegenargumente annimmst, desto weiter lockert sich deine Grenze wieder. Du kannst das unterbinden, indem du dein Empfinden immer wieder in den Vordergrund rückst.

Im Beispiel von grade könntest du sagen: "Ich habe dir gesagt, wie ich das sehe. Das ist mir wichtig und ich werde dabei bleiben. Deine weiteren Einwände werde ich unbeantwortet lassen, weil sie nur versuchen, meinen Standpunkt aufzuweichen. Ich habe dir ein Treffen für 3 Stunden im Café vorgeschlagen, möchtest du das annehmen oder nicht?" (Wie gesagt, eine Person, mit der man über SOWAS diskutieren muss, ist kein gutes Match für ein Date! Aber zur Anschauung ist es gut :D).

Hier eine weitere Formulierung, um dich nicht auf Nachfragen einlassen zu müssen: "Ich möchte das nicht. Es fühlt sich einfach nicht gut / nicht richtig / nicht stimmig für mich an. Ich möchte meinem Bauchgefühl da vertrauen."

4. Umgang mit Schuld: Andere Menschen über die eigenen Grenzen treten zu lassen, hat viel mit Schuldgefühlen zu tun. Wenn du der anderen Person irgendwie unbewusst Recht gibst, dass sie ein Recht darauf hat, etwas von dir einzufordern, kannst du deine Grenze nicht mehr sicher setzen. Dann zweifelst du, ob das überhaupt okay ist.

Das Schuldgefühl, das hochkommt, wenn du eine Grenze setzt, ist kein Zeichen dafür, dass du der anderen Person tatsächlich etwas schuldest. Es ist ein Zeichen dafür, wie sehr dir beigebracht wurde, dich für deine eigenen Bedürfnisse schuldig zu fühlen. Du kannst die Grenze trotzdem setzen und dann ganz bewusst dieses Schuldgefühl fühlen. Je bewusster du es fühlen kannst, desto mehr kann es sich transformieren.

Grenzen sind genau dafür da, dich vor den ungesunden Mustern von anderen Menschen zu schützen. Eine Person mit einem gesunden Verhaltensmuster würde deine Grenze immer anstandslos akzeptieren und ist froh, wenn du ihr deine ehrlichen Bedürfnisse zeigst. Je stärker die Reaktion des Gegenübers auf deine Grenze, desto besser, dass du sie gesetzt hast!

Fazit: Eine Grenze ist nichts, was die andere Person akzeptieren muss, sondern eine Grenze ist genau dafür da, dich vor einer Person zu schützen, die deine Bedürfnisse nicht akzeptieren kann. Sie muss von deinen Bedürfnissen ausgehen und ist im besten Fall bereits vor dem Zusammentreffen mit der anderen Person klug durchdacht.

Reflexion: Wo lässt du andere immer über deine Bedürfnisse treten und welche Grenze könntest du ziehen, die diesen Übertritt unmöglich macht?

In Liebe, Jana